In einer Zeit in welcher der Begriff „Staatsgrenze“ eine merk(l)würdige Neudefinition erfährt, soll am Beispiel der Österreichischen Botschaft im Königreich Thailand als exterritorialer Arbeitsplatz privilegierter Repräsentanten, über Staatswesen, Diplomatie und Obrigkeit räsoniert werden. Die Motivation und Überwindung des Schreibers hierzu stammt aus der habituellen Nichtbeantwortung eines vor Wochen an seine Exzellenz, den österreichischen Botschafter gerichteten Schreibens, in welchem detaillierte Vorschläge zur Aufführung österreichischer Filme im Goethe Institut Bangkok vorgelegt wurden. Außerdem stehen heuer 150 Jahre diplomatische Beziehungen Österreich-Siam auf der kulturpolitischen Agenda.
Zuerst fällt auf, dass von 28 EU-Mitgliedsstaaten immerhin 26 ein diplomatisches Corps in Bangkok unterhalten, Handelsdelegationen und sonstige offizielle Organisationen noch nicht eingerechnet. Auch die EU unterhält eine eigene diplomatische Vertretung in der laut Website 33 Personen beschäftigt sind.
Österreich liegt mit 17 diplomatischen Beamten im Mittelfeld, das thailändische Hilfspersonal wiederum nicht mitgerechnet.
Würden die Vereinigten 50 Bundesstaaten von Amerika ihre Embassies weltweit nach demselben Schema besetzen, kämen alleine in Thailand mindestens 1000 Amerikaner in die Gunst einer festen Anstellung. Natürlich müssen Diplomaten gut wohnen, deshalb bekommen sie 80% der Wohnkosten am Arbeitsort ersetzt, egal wie teuer die Wohnung ist, ebenso versteht es sich von selbst, dass die gesetzlichen Feiertage des Heimatlandes und die thailändischen eingehalten werden und somit die Botschaft an diesen Tagen geschlossen bleibt. Früher gab es einen Erlass im Außenamt, wonach österreichische Diplomaten nicht als Familie in die Botschaften entsandt werden durften. Vermutlich war es der Staatsräson damals nicht ganz geheuer, wenn eine auf praktischen Vorteil gerichtete Lebensgemeinschaft, wie sie für Verheiratete normalerweise gilt, innerhalb der Botschaft dauerhaft verankert wird. Aber diese, die Scheidungsrate begünstigende und die Karriereplanung für Diplomaten erschwerende Regel wurde offenbar außer Kraft gesetzt. Ein Blick auf das derzeit akkreditierte österreichische diplomatische Corps in Thailand nennt in vertikal abgestufter Reihenfolge:
H.E. Mr. und Mrs. Dofrenik, Mr. und Mrs. Gmasz, Mr. und Mrs. Mayer, Mrs. und Mr. Heydt, Mr. und Mrs. Bauer, Mr. und Mrs. Sucher, der überwiegende Teil der Mannschaft wurde im Status der Verehelichung in Amt und Würde gesetzt, ein deutliches Bekenntnis zum Familienverbund inklusive Erfüllung der gesetzlichen Frauenquote.
Dem aufmerksamen Leser müsste an der Stelle allerdings auffallen, dass sich damit zumindest die Dienst-Wohnungskosten für die Republik verbilligt haben. Auch im Hotel, ebenso bei Pauschalreisen fällt der Einzelzimmerzuschlag weg, wenn Paare gemeinsam reisen. Deshalb, vermutlich, konnte man den Personalstand in der österreichischen Botschaft in den vergangenen 30 Jahren von 9 auf 17 verdoppeln.
Noch wurde kein Wort über die allgemeine Wichtigkeit und Notwendigkeit von diplomatischer Arbeit jedes einzelnen EU-Mitgliedstaates auf bilateraler Ebene, so wie schon vor 1995 als Österreich kein EU-Mitglied war, gesprochen.
Auf der Website vom Austrian Embassy steht:
Die Botschaft von Österreich in Bangkok - ist wie alle Botschaften ein Ort der Prepräsentation und dient insbesondere der Pflege bilateraler Beziehungen, zwischen Österreich und Thailand, sowie der Vertretung Österreichischer Interessen in Thailand.
Nur: der Begriff „Prepräsentation“ existiert weder im Duden noch im Fremdwörterbuch. „Repräsentation“ wollte man offenbar vermeiden, also machte man aus dem englischen Substantiv „pre-presentation“ („Vorpräsidentation“, whatever it means) eine anglizistisch-diplomatische Tautologie. Nach dem Schengen-Abkommen besteht ohnehin eine einheitliche Visum-Regelung für alle Nicht-EU Bürger, diese könnten ein Visum bei der Botschaft beantragen die als Eintrittsland gewünscht wird, gültig ist es danach für alle EU-Staaten. Auch ist es noch keinem europäischen Land gelungen für seine Bürger eine Arbeits- Aufenthaltsbewilligung, wie sie zum Beispiel Thailänder in der EU vergleichsweise einfacher erhalten, durch zu setzen. Das Königreich bietet derzeit jedem Nicht-Thailänder, meistens Winter-, Ehe-, und andere Flüchtlinge aus aller Welt (genannt: Farang) einen zeitlich begrenzten Aufenthalt, neuerdings sogar bis zu einem Jahr, vorausgesetzt dass er/sie mindestens 1000 Euro/Monat an Einkünften nachweisen kann und +60 Jahre alt ist. Der Erwerb von Grund und Boden bleibt nach wie vor verboten. Solange der Ausländer Devisen ins Land bringt, kann er weitgehend tun und lassen was er will. Es wäre nun weit verfehlt, würde man dahinter eine geldgierige asiatische Mentalität vermuten. Die Thais sind überwiegend Buddhisten, also realistisch in Hinblick darauf, dass das Leben vor dem Nirvana auch was kostet. Daraus folgt, dass sie beim Thema Geld, jene in Papier und Plastik gepresste Metaphysik schlechthin, nur ihren eigenen, keinesfalls christlichen Überzeugungen, folgen. Kein Business, weder kaufen noch bezahlen gründet in Nächstenliebe oder Barmherzigkeit; ebenso ist Sparsamkeit keine besondere Tugend im Königreich. Geld ist in ihrer Sicht ein Medium, ein Kommunikations- und somit Tauschmittel, ähnlich wie Sprache, daher ist einer der überhaupt nicht sprechen kann zwar zu bedauern, aber das ist seine Sache; umgekehrt jemand der viele Sprachen spricht sehr hoch geschätzt wird. Der grundsätzliche, systemische Unterschied lässt sich bis in religiöse Gewohnheiten beobachten: Geld an sich ist neutral und selbstverständlich, kein Mönch muss sich bedanken wenn man ihm was spendet. Eher müssen spendende Gläubige dafür danken, dass die Ehrwürdigen es überhaupt annehmen.
An der soeben skizzierten Stelle laufen Christentum und Buddhismus so weit auseinander wie nirgends sonst. Doch nähern wir uns solcherart dem Phänomen der wesentlichen anthropologischen Unterschiede. Herzlichkeit wird zu den knappen Gütern gerechnet, weder wird sie erwartet, noch x-beliebig verschenkt. Die thailändischen Sitten-Gesetze insistieren auf Form und Anstand, und niemals sein Gesicht zu verlieren. Deshalb bei allen Begegnungen, auch wenn man die Sprache ein wenig beherrscht, die Stimmung immer ein wenig hölzern bleibt, die Angst vor dem Fauxpas. Individuelle Meinungsfreiheit aber ist auf allen Ebenen verpönt, in politischen, namentlich königlichen Angelegenheiten absolut tabu, mindestens wie sexueller Kindesmissbrauch in Europa. Es muss eine andere Sogwirkung geben, der zur Folge und freiwillig jedes Jahr mehr Touristen aus aller Welt ins Land kommen, darunter viele Junge, die ohne Aussicht auf gewerkschaftliche Entlohnung gerne länger hier bleiben und leben möchten.
Des Schreibers Vermutung: Selbstverwirklichung durch (exotischen) Weltgewinn; völlig anders, aber immer noch angenehm weit weg von zuhause leben.
Im Goethe - Institut Bangkok lernen aufgrund neuer deutscher Einreisebestimmungen thailändische Frauen den Konjunktiv I und verblüffen damit den zukünftigen Bräutigam, der sich erst daran gewöhnen muss, dass es Bier und Beischlaf auch in der Möglichkeitsform geben soll. Einmal pro Woche wird bei freiem Eintritt ein „Open Air Cinema“ unter nächtlichem Himmel in der Stadt der Engel gezeigt. Am Plakat 2015/16 wird die Schweizerische und die Österreichische Botschaft explizit genannt, etliche schweizerische Filme werden auch zur Aufführung gebracht, aber kein österreichischer. Deshalb mein ausführlicher, eingeschriebener Brief an Seine Exzellenz den Botschafter mit detaillierten Vorschlägen österreichischer Filme die bereits hier gedreht wurden, und das sind nicht wenig. Die Institutsleiterin vom Goethe Institut, Frau Dr. Marla Stukenberg, wies alle Unterstellungen nach persönlichen Präferenzen zurück und verwies an den von der österreichischen Botschaft akkreditierten Kulturattaché, der ihr erklärt hat: 1. „keine österreichischen Filme zur Verfügung zu haben“ und 2. „dass er über keine Budgetmittel verfüge, diese im Goethe Institut aufführen zu lassen“. Das Logo in rot-weiß-rot aber macht sich gut neben dem Schweizerischen und deshalb hat man es am Plakat gelassen.
Der „Erste Österreicher“ in Thailand war Christoph Carl Fernberger, ein oberösterreichischer Söldner im 30-jährigen Krieg. Seine unfreiwillige Weltreise 1621-1628 wurde von Prof. Karl Wernhart, ebenso von Frau Dr. Orasa Thaiyanan „Die Beziehungen zwischen Thailand (Siam) und Österreich-Ungarn (1869-1917/19). Dissertationen der Universität Wien 1987“ publiziert. Allerdings kam Fernberger nicht an den Hof von Ayutthaya sondern kämpfte (erfolgreich) für die Königin von Pattani gegen den thailändischen König Somdech Songtham („Der Rechtfertige“). Dieses verjährte Geschehnis reichte einem Kulturattaché schon vor Jahren, um einen österreichischen Video-Film „Christoph Carl Fernberger“ aus diplomatischen Gründen abzuweisen. An der Stelle darf auch von einer ungewöhnlichen Ausnahme, Mag. Arnold Obermayr, berichtet werden. Er kam von Japan, war bereits mit Far East hinlänglich vertraut und erklärte von Anfang an, dass er die Thai-Gesellschaft im Grund liebt und daher gerne den Posten angenommen hat. Nochmals in grellen Metaphern un- diplomatisch gesagt:
Österreich: ein abendländisches, soziales, -- allemal demokratisches Seniorenheim.
Thailand, ein morgenländisch-königlicher Kindergarten, ein artiges Privatpensionat für wohlerzogene Höhere Töchter, „aggressively charming“ , eine Antipode. Doch ist Seine Majestät, König Bhumipohl, innigst geliebter Höchster Vater aller Thais schwer krank und kann als solcher (in dieser Funktion) niemals und durch niemand ersetzt werden.
Was also wären, abgesehen von einem sich am Zukunftshorizont abzeichnenden Ende in beiden Fällen, dennoch kulturverbindliche Gemeinsamkeiten ? In Thailändischer Sprache kann man zu (fast) allem was der Fall ist: „Mai pen rai“ sagen. Obwohl schwer übersetzbar („it is no problem at all“) entspricht es dem heimatlichen: „ macht auch nichts, eh wurscht“, dies ist die derzeitige, österreichische Bot-schaft nach Thailand.
Michael Pand, Hainburg, www.michaelpand.com
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