Das Ziel demokratischer Systeme besteht in
der Nivellierung, zum Beispiel von Ungerechtigkeiten. Ein Kunstsystem hat
demgegenüber niemals den Anspruch, allen auch nur halbwegs gerecht zu
werden.
Peter Noever bleibt für mich der Einzige, dem Begriffe nach „wahre
Kunstdirektor“, wenn „directus“ im Lateinischen „in gerader Richtung“
heißen soll. Doch war es ein anderer, ebenfalls großer Direktor, der
preußische Großindustriellensohn Peter Stein, damals Leiter der Schaubühne
am Halleschen Ufer, der bei den Proben zu „Groß und klein“ (Botho Strauß)
dem Verfasser erstmals von der „prinzipiellen Unverträglichkeit“ der Kunst
mit Demokratie eine nachhaltige Mitteilung machte.
Tatsächlich eignet sich darstellende Kunst, das Theater, weitaus besser
für einen scharfen, immanenten Kunstdiskurs als bildende Kunst. Denn alle
Bühnenkunst zielt auf den sprachlichen Logos ab, also auf Sätze, die in
der Wirklichkeit Bestand haben oder nicht; hingegen agieren die äußerste,
extremste, aktionistische oder Conceptart, beispielsweise Otto Muehl und
sein Friedrichshof, im demokratiepolitischen System und in den Medien
immer nur in einer Nische, nämlich der des erlaubten Hofnarren – solange
sie es nicht zu toll treiben.
Wie Öl und Wasser
Ein anderer, großer Mann, der wahrscheinlich gebildetste Professor und
originellste lebende Philosoph im deutschsprachigen Raum, dem man den
Lehrstuhl aus undurchschaubaren Gründen an der Angewandten ab 2009
verweigerte, der nach einem hochschulinternen, demokratischen Hearing ganz
undramatisch in Pension geschickt wurde, damit einige weniger Prominente
eine Chance bekommen, heißt übrigens Prof. Peter Sloterdijk.
Bei ihm konnten wir jahrelang Niklas Luhmann, Heidegger und sehr, sehr
viel mehr lernen. Ein Vorlesungszyklus zur Subjektphilosophie hieß „Wer
ist der Täter? Künstler und Verbrecher“. Aber die grundsätzliche
Unverträglichkeit von ausdifferenzierten demokratischen (Sub)-Systemen und
Kunst, diese lapidare Formel scheint nach Walter Benjamin, der aller Kunst
in Bezug auf ihr unbedingtes Erscheinenwollen einen a priori
Prostitutionsstatus bescheinigte, derzeit kein eigenes, den Diskurs
herausforderndes Thema zu sein. Man setzt es nämlich voraus,
wahrscheinlich zu Recht. Und so wie Öl und Wasser sich nicht stören,
solange sie nicht gemischt werden, lässt es sich bei darstellender Kunst
besonders leicht nachweisen, dass große Spektakel oft an starke,
monarchistische, anarchistische, jedenfalls „selbstherrliche“
Persönlichkeiten („Profil“ zu Peter Noever) gebunden waren, von Herbert
von Karajan, Giorgio Strehler bis zu Paulus Manker.
Tyrannus artist als Kunstprinzip?
Natürlich wäre es fatal, mit dem Tyrannus artist als Kunstprinzip
argumentieren zu wollen, vielmehr soll hier ein Strukturunterschied
beleuchtet werden: Demokratie ist horizontal, Kunst aber in den meisten
Fällen vertikal geschichtet.
Das Ziel von demokratischen Systemen besteht in Nivellierung, zum Beispiel
von Ungerechtigkeiten. Ein Kunstsystem hat aber niemals den Anspruch,
allen auch nur halbwegs gerecht zu werden; auch wenn Andy Warhol
prophetisch gesagt hat, dass „jeder für 15 Minuten berühmt werden wird“.
Überhaupt kommt die Willensbildung im politischen System Demokratie
bekanntlich durch Abstimmung, also Teilhabe von allen, zustande. Das hat
sich bewährt, größere Pannen wie die Wahl Hitlers bei der Deutschen
Reichstagswahl kann man als Einmal-und nie-wieder-Ereignisse dem
Geschichtsunterricht überlassen.
Schon die Griechen, die in der Academia vor den Toren Athens über
Demokratie als ideale Staatsform philosophierten, hatten überhaupt kein
Problem damit, dass das Betriebssystem der antiken Gesellschaft, also die
tatsächliche Arbeit, der Mehrwert und Überfluss von Sklaven geleistet
wurde.
Auch bei den gegenwärtigen Revolutionen in der arabischen Welt, allesamt
jahrhundertealte, patriarchalische und vertikale Stammesgesellschaften,
gehen die westlichen Beobachter davon aus, dass sich die Demokratie so
ausbreiten wird wie der Sand in der Sahara.
Die freiwillige Unterordnung
Am deutlichsten lässt sich der Gegensatz Kunst versus Demokratie in der
darstellenden Kunst, im Theater und beim Film beobachten. Weil zahlenmäßig
mehr Menschen in einem gemeinsamen künstlerischen Prozess ein Ensemble
bilden, das auf Gedeih und Verderb einem Direktor, einer künstlerischen
Letztinstanz ausgeliefert bleibt. Niemals lassen sich künstlerische Fragen
und Entscheidungen demokratisch und mittels Abstimmung lösen.
Kunst kann erreicht werden, wenn eine freiwillige, diskrete Unterordnung
unter ein gemeinsames Telos, in dem Fall unter das Regiekonzept, gelingt.
Oder man stelle sich einen Thomas Bernhard in einem Verlag vor, dessen
Statuten ein demokratisches Mitspracherecht der Lektoren vorsieht.
Noch vor einem Jahr hat Peter Noever, dessen Unglück darin besteht, mehr
Künstler als Funktionär zu sein, mit der Ausstellung „Blumen für Kim Il
Sung“ die äußerste Anstrengung unternommen, einer staunenden
Öffentlichkeit jene magische Grenze zu zeigen, wo und wie das System Kunst
mit dem System politischer Macht im Extremfall zusammentrifft. Schon
damals fiel auf, dass es allen Kritikern schwerfiel, den Direktor selbst
als den eigentlichen Ausstellungskünstler hinreichend zu würdigen.
Abhängig von politischer Macht
Der österreichische Kunstbetrieb, eine zahlenmäßig kleine, aber
einflussreiche Polis, hat im Gegensatz zum amerikanischen Kunstsystem auch
noch die Eigenheit, unmittelbar von politischer Macht, in dem Fall von
Ministerien und Parteien abhängig zu sein.
Systemisch gesprochen bleibt nach dem Rücktritt des engagiertesten
Kunstdirektors alles beim Alten. Die Grünen konnten erneut ihren
demokratischen Horizont im Sinne nivellierender Flachheit unter Beweis
stellen, Peter Noever ist es vergönnt, als Achilleus in die
Kunstgeschichte einzugehen.
Nietzsche warnte schon vor 150Jahren vor den heraufziehenden
demokratischen Systemen. Deshalb sagt Zarathustra dem sterbenden, soeben
vom Seil gestürzten Akrobaten: „Du hast aus der Gefahr deinen Beruf
gemacht, daran ist nichts zu verachten. Nun gehst du an deinem Berufe
zugrunde: dafür will ich dich mit meinen Händen begraben.“
Der König ist tot – Lang lebe der Künstler Peter Noever!
© 2011 by Michael Pand
@ Chiang Mai (Nord-Thailand)
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