Michael Pand

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Demokratie vs. Kunst
 

Das Ziel demokratischer Systeme besteht in der Nivellierung, zum Beispiel von Ungerechtigkeiten. Ein Kunstsystem hat demgegenüber niemals den Anspruch, allen auch nur halbwegs gerecht zu werden.

Peter Noever bleibt für mich der Einzige, dem Begriffe nach „wahre Kunstdirektor“, wenn „directus“ im Lateinischen „in gerader Richtung“ heißen soll. Doch war es ein anderer, ebenfalls großer Direktor, der preußische Großindustriellensohn Peter Stein, damals Leiter der Schaubühne am Halleschen Ufer, der bei den Proben zu „Groß und klein“ (Botho Strauß) dem Verfasser erstmals von der „prinzipiellen Unverträglichkeit“ der Kunst mit Demokratie eine nachhaltige Mitteilung machte.

Tatsächlich eignet sich darstellende Kunst, das Theater, weitaus besser für einen scharfen, immanenten Kunstdiskurs als bildende Kunst. Denn alle Bühnenkunst zielt auf den sprachlichen Logos ab, also auf Sätze, die in der Wirklichkeit Bestand haben oder nicht; hingegen agieren die äußerste, extremste, aktionistische oder Conceptart, beispielsweise Otto Muehl und sein Friedrichshof, im demokratiepolitischen System und in den Medien immer nur in einer Nische, nämlich der des erlaubten Hofnarren – solange sie es nicht zu toll treiben.


Wie Öl und Wasser

Ein anderer, großer Mann, der wahrscheinlich gebildetste Professor und originellste lebende Philosoph im deutschsprachigen Raum, dem man den Lehrstuhl aus undurchschaubaren Gründen an der Angewandten ab 2009 verweigerte, der nach einem hochschulinternen, demokratischen Hearing ganz undramatisch in Pension geschickt wurde, damit einige weniger Prominente eine Chance bekommen, heißt übrigens Prof. Peter Sloterdijk.

Bei ihm konnten wir jahrelang Niklas Luhmann, Heidegger und sehr, sehr viel mehr lernen. Ein Vorlesungszyklus zur Subjektphilosophie hieß „Wer ist der Täter? Künstler und Verbrecher“. Aber die grundsätzliche Unverträglichkeit von ausdifferenzierten demokratischen (Sub)-Systemen und Kunst, diese lapidare Formel scheint nach Walter Benjamin, der aller Kunst in Bezug auf ihr unbedingtes Erscheinenwollen einen a priori Prostitutionsstatus bescheinigte, derzeit kein eigenes, den Diskurs herausforderndes Thema zu sein. Man setzt es nämlich voraus, wahrscheinlich zu Recht. Und so wie Öl und Wasser sich nicht stören, solange sie nicht gemischt werden, lässt es sich bei darstellender Kunst besonders leicht nachweisen, dass große Spektakel oft an starke, monarchistische, anarchistische, jedenfalls „selbstherrliche“ Persönlichkeiten („Profil“ zu Peter Noever) gebunden waren, von Herbert von Karajan, Giorgio Strehler bis zu Paulus Manker.


Tyrannus artist als Kunstprinzip?

Natürlich wäre es fatal, mit dem Tyrannus artist als Kunstprinzip argumentieren zu wollen, vielmehr soll hier ein Strukturunterschied beleuchtet werden: Demokratie ist horizontal, Kunst aber in den meisten Fällen vertikal geschichtet.

Das Ziel von demokratischen Systemen besteht in Nivellierung, zum Beispiel von Ungerechtigkeiten. Ein Kunstsystem hat aber niemals den Anspruch, allen auch nur halbwegs gerecht zu werden; auch wenn Andy Warhol prophetisch gesagt hat, dass „jeder für 15 Minuten berühmt werden wird“.

Überhaupt kommt die Willensbildung im politischen System Demokratie bekanntlich durch Abstimmung, also Teilhabe von allen, zustande. Das hat sich bewährt, größere Pannen wie die Wahl Hitlers bei der Deutschen Reichstagswahl kann man als Einmal-und nie-wieder-Ereignisse dem Geschichtsunterricht überlassen.

Schon die Griechen, die in der Academia vor den Toren Athens über Demokratie als ideale Staatsform philosophierten, hatten überhaupt kein Problem damit, dass das Betriebssystem der antiken Gesellschaft, also die tatsächliche Arbeit, der Mehrwert und Überfluss von Sklaven geleistet wurde.

Auch bei den gegenwärtigen Revolutionen in der arabischen Welt, allesamt jahrhundertealte, patriarchalische und vertikale Stammesgesellschaften, gehen die westlichen Beobachter davon aus, dass sich die Demokratie so ausbreiten wird wie der Sand in der Sahara.


Die freiwillige Unterordnung

Am deutlichsten lässt sich der Gegensatz Kunst versus Demokratie in der darstellenden Kunst, im Theater und beim Film beobachten. Weil zahlenmäßig mehr Menschen in einem gemeinsamen künstlerischen Prozess ein Ensemble bilden, das auf Gedeih und Verderb einem Direktor, einer künstlerischen Letztinstanz ausgeliefert bleibt. Niemals lassen sich künstlerische Fragen und Entscheidungen demokratisch und mittels Abstimmung lösen.

Kunst kann erreicht werden, wenn eine freiwillige, diskrete Unterordnung unter ein gemeinsames Telos, in dem Fall unter das Regiekonzept, gelingt. Oder man stelle sich einen Thomas Bernhard in einem Verlag vor, dessen Statuten ein demokratisches Mitspracherecht der Lektoren vorsieht.

Noch vor einem Jahr hat Peter Noever, dessen Unglück darin besteht, mehr Künstler als Funktionär zu sein, mit der Ausstellung „Blumen für Kim Il Sung“ die äußerste Anstrengung unternommen, einer staunenden Öffentlichkeit jene magische Grenze zu zeigen, wo und wie das System Kunst mit dem System politischer Macht im Extremfall zusammentrifft. Schon damals fiel auf, dass es allen Kritikern schwerfiel, den Direktor selbst als den eigentlichen Ausstellungskünstler hinreichend zu würdigen.


Abhängig von politischer Macht

Der österreichische Kunstbetrieb, eine zahlenmäßig kleine, aber einflussreiche Polis, hat im Gegensatz zum amerikanischen Kunstsystem auch noch die Eigenheit, unmittelbar von politischer Macht, in dem Fall von Ministerien und Parteien abhängig zu sein.

Systemisch gesprochen bleibt nach dem Rücktritt des engagiertesten Kunstdirektors alles beim Alten. Die Grünen konnten erneut ihren demokratischen Horizont im Sinne nivellierender Flachheit unter Beweis stellen, Peter Noever ist es vergönnt, als Achilleus in die Kunstgeschichte einzugehen.

Nietzsche warnte schon vor 150Jahren vor den heraufziehenden demokratischen Systemen. Deshalb sagt Zarathustra dem sterbenden, soeben vom Seil gestürzten Akrobaten: „Du hast aus der Gefahr deinen Beruf gemacht, daran ist nichts zu verachten. Nun gehst du an deinem Berufe zugrunde: dafür will ich dich mit meinen Händen begraben.“

Der König ist tot – Lang lebe der Künstler Peter Noever!

 © 2011 by Michael Pand @ Chiang Mai (Nord-Thailand)

 

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