Michael Pand

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Michael Pand Pilzkunde in Kafkanien


Als Peter Pilz eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. „Was ist mit mir geschehen?“, dachte er, „wird von nun an der Straftatbestand ,sexuelle Belästigung und öffentlich geschlechtliche Handlung’ (vulgo ,Po-Grapschen’) kategorial an mir exekutiert? Bin ich der apokalyptische Minusmann einer Grünen-Bewegung, die einst, von Hainburg ausgehend, die österreichische Politik nachhaltig beeinflusste?“ Da der lustige Peter in den Siebzigerjahren für den Autor dieser Zeilen so etwas wie ein Jugendfreund gewesen ist, überkam diesen das Bedürfnis, sich gedanklich zur Causa mitzuteilen. Zum Untergang der Grünen als Parlamentspartei wollen wir dabei den Begriff der Implosion verwenden. Im Fußball würde man von einem Eigentor sprechen. Beim Zuordnen der täglich eintreffenden Nachrichten zur Liste Pilz können wir uns allerdings nicht entscheiden ob es sich um Harakiri oder Potlatch handelt.

Als sich die mediale Hochdrucklage der „Willkommenskultur“ erwartungsgemäß in den frostigen sozialen Winter zu wandeln begann, war die von Pilz mit= begründete Partei schon mehr als 30 Jahre alt, daher gab es bei den alten Grünen die „Jungen Grünen“. In unserer Jugendzeit firmierte als ähnliche Jugendorganisation der SPÖ-nahe VSStÖ, die Rechten hatten zeitgleich den RFS mit Jörg Haider, man könnte beim Thema biogenetische Erneuerung von politischen Parteien ohne weiteres bis zur Hitlerjugend zurückgehen. Pilz war in seiner Partei und den Medien ein „Urgestein“. Irgendwie passend zu seiner Vorliebe für Hard Rock bezeugt dieses die wesentlichen physikalischen Eigenschaften in Bezug auf Härte, Festigkeit gegenüber der vorbeieilenden Zeit. In Symbiose mit feinen Baumwurzeln können gewisse Pilze hartes Gestein zu fruchtbarem Boden verwandeln. Semantisch näher gezoomt finden wir beim Thema Pilz ein sehr weites Begriffsfeld, das in seinen Konnotationen zugleich die Problematik von „Nomen est omen“ erkennen lässt: „Scheidenpilz“ (negativ), „Pfifferling“ (positiv, vegan geeignet), Ständerpilz (?), ferner Schlauchpilze, Töpfchenpilze, Jochpilze, Ei- und Schleimpilze. „Jung und Grün“ mag zwar nach Tautologie klingen, doch sagte schon Elias Canetti, dass der „Kern aller Macht selbst tautologisch bleibt“, voila! In den 70iger Jahren stand der Begriff „Feminismus“ für uns in einer Wertereihe wie beispielsweise „Love and Peace“, war somit rein und positiv besetzt. Viele, auch der Autor selbst, glaubten, dass man mit „Feminismus“ leichter an Frauen rankam. Seit Michel Houellebecq wissen wir nun: Feminismus ist die Ausweitung der Kampfzone, und für die Jungen Grünen ist es eine Bewegung für ein Ende von Sexismus, sexistischer Ausbeutung und Unterdrückung. Notwendigerweise stellt Feminismus sich daher gegen das Patriarchat: das soziale System, in dem Männer als Norm gelten und gegenüber allem, was als „nicht männlich“ gilt, privilegiert sind. Daher muss innerhalb der eigenen Partei die Emanzipation von einer archaischen Männervorherrschaft geleistet werden.
Die morphologische Ähnlichkeit von Basidiomycota (Ständerpilz) und Penis führt uns zu den von Freud und Lacan behandelten Themen “Penisneid beim Mädchen”, “Kastrationsangst beim Jungen” bis hin zur mythologischen “Vagina dentata”:

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Laut Freud erkennt das Mädchen die Mutter als penislos, möchte daher nicht werden wie sie und distanziert sich unbewusst. (vgl. Rivalitätskampf Flora Petrik vs. Eva Glawischnigg). Ganz anders beim Jungen ist es nach Freud eine positive Überwindung der vorausgegangenen ödipalen Situation, eine Identifizierung mit der symbolischen Macht des Vaters, somit seine Abspaltung von den Grünen und Listengründung zur Nationalratswahl. Für Lacan gehört die Kastrationsdrohung “Im Namen des Vaters” zur symbolischen Ordnung, zu der auch die Gesetze gehören. Dem Mythos der “bezahnten Vagina” gab Freud den Namen. Er handelt vom unbewussten Wunsch, den Sexualpartner mit einer bewaffneten Vagina ermorden oder kastrieren zu können.

Der grau gewordene Pilz war aufgrund seiner nur mäßigen Begeisterung zum Asylantenstrom in seiner Partei ein Antikörper, entsprechend wurde ihm von eifrig-respektlosen Jungen ein Listenplatz zur bevorstehenden Nationalratswahl verweigert. Doch dann schaffte der alte Fuchs einen Finalsieg bei der Nationalratswahl. Übrigens nicht zum ersten Mal, wenn man berücksichtigt, dass er politischer Initiator von Van der Bellen als amtierender Bundespräsident ist. Wenige Tage nach seinem absoluten Triumph als Berufspolitiker holte ihn eine, aus unzähligen Fernsehdramen bekannte Kabale: Beschuldigter von sexuellen Belästigungen an jungen Frauen zu sein, auf den Boden der heimatlichprovinziellen feministischen Verhältnisse zurück. (Grapschen in Alpbach). Bis zur juristischen Klärung der Schuldfrage legte er sein Mandat nieder.

Auch Martha Bißmann fand sich eines Morgens verwandelt: in eine “echte”, das meint zugleich “nicht-vorläufige” Nationalratsabgeordnete. In wenigen Wochen praktisch-parlamentarischer Einarbeitungszeit stellte sie fest, dass die Quatschbude namens Hohes Haus nicht viel anders als jede Hörsaal-Diskussion funktioniert; nur deutlich besser entlohnt. Aus tiefer feministischer Überzeugung kam für sie daher eine Nebenrolle als Zweitbesetzung neben dem Parteigründer, der Verzicht auf denerreichten Status quo, absolut nicht infrage.

Im Kapitel über die verlorene Glaubwürdigkeit in der Politik schreibt Peter Sloterdijk in “Eurotaoismus” (1989): „Wenn Politiker fast immer unpopulär sind, dann nicht, weil sie dem Volk stark entfremdet wären, sondern weil sie ihm in existenziellen Konstanten aufs Haar gleichen. So verblendet ist das Volk selten, sich selbst noch populär zu finden.“

Volksverbunden und politisch korrekt bis in den, vormals als privat verstandenen, sexuellen Bereich der Bürger bekennt sich die rot-grüne Regierung in Schweden vorbehaltlos zum Feminismus. Zuletzt erreichte sie mit dem sogenannten “Einverständnisgesetz” internationales Aufsehen. Mit Ausnahme von Onanie und Cybersex ist bei jeglicher Art von Sex mit Personen, egal welchen Geschlechts, auch bei langjährigen Beziehungen und Gruppensex, die ausdrückliche Erlaubnis einzuholen, andernfalls die Anklage der Vergewaltigung droht. Ein schriftliches Dokument ist einer verbalen Vereinbarung vorzuziehen, da andernfalls Aussage gegen Aussage steht.

Peter Pilz und Julian Assange, beide als Aufdecker politischer Zustände von den Medien zuerst heldenhaft gefeiert, beide wegen vergleichsweise banalen Sexualdelikten beschuldigt (Assange: Beischlaf ohne Kondom) und am medialen Pranger hingerichtet, erleben das Purgatorium, welches der aktuelle Feminismus an seinen Dissidenten mittels demokratisch legitimer Gesetze exekutiert, höchst unterschiedlich: Assange lebt seit 6 Jahren unter Hausarrest in der Botschaft von Ecuador, Peter Pilz sitzt nach beispiellosem Gesichtsverlust wieder im Nationalrat. Mit einer für Österreich nicht untypischen Verspätung von 50 Jahren kamen die Parlamentsfrauen aller Parteien auf die aktionistische Idee bei seiner Angelobung geschlossen den Saal zu verlassen. In parteiübergreifender Respektlosigkeit zur bestehenden Judikatur gelang es ein feministisches Zeichen zu setzen.

Der Autor und Jugendfreund des einstigen *Champignons* der Innenpolitik hatte Gelegenheit, dessen Karriere von Kapfenberg weg über Jahrzehnte hindurch medial zu beobachten, seine politische Akrobatik erschien ihm bis zuletzt groß, bedeutend, integer. Aber wie schon bei Franz Kafka zu lesen ist:

Der wahre Weg geht über ein Seil, das nicht in der Höhe gespannt ist, sondern knapp über dem Boden. Es scheint mehr bestimmt stolpern zu machen, als begangen zu werden.

Michael Pand, Hainburg, www.michaelpand.com  

 

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