Als Peter Pilz eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in
seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. „Was ist mit mir
geschehen?“, dachte er, „wird von nun an der Straftatbestand ,sexuelle Belästigung
und öffentlich geschlechtliche Handlung’ (vulgo ,Po-Grapschen’) kategorial an mir
exekutiert? Bin ich der apokalyptische Minusmann einer Grünen-Bewegung, die
einst, von Hainburg ausgehend, die österreichische Politik nachhaltig
beeinflusste?“ Da der lustige Peter in den Siebzigerjahren für den Autor dieser
Zeilen so etwas wie ein Jugendfreund gewesen ist, überkam diesen das Bedürfnis,
sich gedanklich zur Causa mitzuteilen. Zum Untergang der Grünen als
Parlamentspartei wollen wir dabei den Begriff der Implosion verwenden. Im
Fußball würde man von einem Eigentor sprechen. Beim Zuordnen der täglich
eintreffenden Nachrichten zur Liste Pilz können wir uns allerdings nicht
entscheiden ob es sich um Harakiri oder Potlatch handelt.
Als sich die mediale Hochdrucklage der „Willkommenskultur“ erwartungsgemäß
in den frostigen sozialen Winter zu wandeln begann, war die von Pilz mit=
begründete Partei schon mehr als 30 Jahre alt, daher gab es bei den alten Grünen
die „Jungen Grünen“. In unserer Jugendzeit firmierte als ähnliche
Jugendorganisation der SPÖ-nahe VSStÖ, die Rechten hatten zeitgleich den RFS
mit Jörg Haider, man könnte beim Thema biogenetische Erneuerung von
politischen Parteien ohne weiteres bis zur Hitlerjugend zurückgehen. Pilz war in
seiner Partei und den Medien ein „Urgestein“. Irgendwie passend zu seiner
Vorliebe für Hard Rock bezeugt dieses die wesentlichen physikalischen
Eigenschaften in Bezug auf Härte, Festigkeit gegenüber der vorbeieilenden Zeit. In
Symbiose mit feinen Baumwurzeln können gewisse Pilze hartes Gestein zu
fruchtbarem Boden verwandeln. Semantisch näher gezoomt finden wir beim
Thema Pilz ein sehr weites Begriffsfeld, das in seinen Konnotationen zugleich die
Problematik von „Nomen est omen“ erkennen lässt: „Scheidenpilz“ (negativ),
„Pfifferling“ (positiv, vegan geeignet), Ständerpilz (?), ferner Schlauchpilze,
Töpfchenpilze, Jochpilze, Ei- und Schleimpilze. „Jung und Grün“ mag zwar nach
Tautologie klingen, doch sagte schon Elias Canetti, dass der „Kern aller Macht
selbst tautologisch bleibt“, voila! In den 70iger Jahren stand der Begriff
„Feminismus“ für uns in einer Wertereihe wie beispielsweise „Love and Peace“,
war somit rein und positiv besetzt. Viele, auch der Autor selbst, glaubten, dass man
mit „Feminismus“ leichter an Frauen rankam. Seit Michel Houellebecq wissen wir
nun: Feminismus ist die Ausweitung der Kampfzone, und für die Jungen Grünen
ist es eine Bewegung für ein Ende von Sexismus, sexistischer Ausbeutung und
Unterdrückung. Notwendigerweise stellt Feminismus sich daher gegen das
Patriarchat: das soziale System, in dem Männer als Norm gelten und gegenüber
allem, was als „nicht männlich“ gilt, privilegiert sind. Daher muss innerhalb der
eigenen Partei die Emanzipation von einer archaischen Männervorherrschaft
geleistet werden. Die morphologische Ähnlichkeit von Basidiomycota (Ständerpilz) und Penis führt
uns zu den von Freud und Lacan behandelten Themen “Penisneid beim Mädchen”,
“Kastrationsangst beim Jungen” bis hin zur mythologischen “Vagina dentata”:
Laut Freud erkennt das Mädchen die Mutter als penislos, möchte daher nicht
werden wie sie und distanziert sich unbewusst. (vgl. Rivalitätskampf Flora Petrik
vs. Eva Glawischnigg). Ganz anders beim Jungen ist es nach Freud eine positive
Überwindung der vorausgegangenen ödipalen Situation, eine Identifizierung mit
der symbolischen Macht des Vaters, somit seine Abspaltung von den Grünen und
Listengründung zur Nationalratswahl. Für Lacan gehört die Kastrationsdrohung
“Im Namen des Vaters” zur symbolischen Ordnung, zu der auch die Gesetze
gehören. Dem Mythos der “bezahnten Vagina” gab Freud den Namen. Er handelt
vom unbewussten Wunsch, den Sexualpartner mit einer bewaffneten Vagina
ermorden oder kastrieren zu können.
Der grau gewordene Pilz war aufgrund seiner nur mäßigen Begeisterung zum
Asylantenstrom in seiner Partei ein Antikörper, entsprechend wurde ihm von
eifrig-respektlosen Jungen ein Listenplatz zur bevorstehenden Nationalratswahl
verweigert. Doch dann schaffte der alte Fuchs einen Finalsieg bei der
Nationalratswahl. Übrigens nicht zum ersten Mal, wenn man berücksichtigt, dass
er politischer Initiator von Van der Bellen als amtierender Bundespräsident ist.
Wenige Tage nach seinem absoluten Triumph als Berufspolitiker holte ihn eine,
aus unzähligen Fernsehdramen bekannte Kabale: Beschuldigter von sexuellen
Belästigungen an jungen Frauen zu sein, auf den Boden der heimatlichprovinziellen feministischen Verhältnisse zurück. (Grapschen in Alpbach). Bis zur
juristischen Klärung der Schuldfrage legte er sein Mandat nieder.
Auch Martha Bißmann fand sich eines Morgens verwandelt: in eine “echte”, das
meint zugleich “nicht-vorläufige” Nationalratsabgeordnete. In wenigen Wochen
praktisch-parlamentarischer Einarbeitungszeit stellte sie fest, dass die Quatschbude
namens Hohes Haus nicht viel anders als jede Hörsaal-Diskussion funktioniert; nur
deutlich besser entlohnt. Aus tiefer feministischer Überzeugung kam für sie daher
eine Nebenrolle als Zweitbesetzung neben dem Parteigründer, der Verzicht auf denerreichten Status quo, absolut nicht infrage.
Im Kapitel über die verlorene Glaubwürdigkeit in der Politik schreibt Peter
Sloterdijk in “Eurotaoismus” (1989): „Wenn Politiker fast immer unpopulär sind,
dann nicht, weil sie dem Volk stark entfremdet wären, sondern weil sie ihm in
existenziellen Konstanten aufs Haar gleichen. So verblendet ist das Volk selten,
sich selbst noch populär zu finden.“
Volksverbunden und politisch korrekt bis in den, vormals als privat verstandenen,
sexuellen Bereich der Bürger bekennt sich die rot-grüne Regierung in Schweden
vorbehaltlos zum Feminismus. Zuletzt erreichte sie mit dem sogenannten
“Einverständnisgesetz” internationales Aufsehen. Mit Ausnahme von Onanie und
Cybersex ist bei jeglicher Art von Sex mit Personen, egal welchen Geschlechts,
auch bei langjährigen Beziehungen und Gruppensex, die ausdrückliche Erlaubnis
einzuholen, andernfalls die Anklage der Vergewaltigung droht. Ein schriftliches
Dokument ist einer verbalen Vereinbarung vorzuziehen, da andernfalls Aussage
gegen Aussage steht.
Peter Pilz und Julian Assange, beide als Aufdecker politischer Zustände von den
Medien zuerst heldenhaft gefeiert, beide wegen vergleichsweise banalen
Sexualdelikten beschuldigt (Assange: Beischlaf ohne Kondom) und am medialen
Pranger hingerichtet, erleben das Purgatorium, welches der aktuelle Feminismus an
seinen Dissidenten mittels demokratisch legitimer Gesetze exekutiert, höchst
unterschiedlich: Assange lebt seit 6 Jahren unter Hausarrest in der Botschaft von
Ecuador, Peter Pilz sitzt nach beispiellosem Gesichtsverlust wieder im Nationalrat.
Mit einer für Österreich nicht untypischen Verspätung von 50 Jahren kamen die
Parlamentsfrauen aller Parteien auf die aktionistische Idee bei seiner Angelobung
geschlossen den Saal zu verlassen. In parteiübergreifender Respektlosigkeit zur
bestehenden Judikatur gelang es ein feministisches Zeichen zu setzen.
Der Autor und Jugendfreund des einstigen *Champignons* der Innenpolitik hatte
Gelegenheit, dessen Karriere von Kapfenberg weg über Jahrzehnte hindurch
medial zu beobachten, seine politische Akrobatik erschien ihm bis zuletzt groß,
bedeutend, integer. Aber wie schon bei Franz Kafka zu lesen ist:
Der wahre Weg geht über ein Seil, das nicht in der Höhe gespannt ist, sondern
knapp über dem Boden. Es scheint mehr bestimmt stolpern zu machen, als
begangen zu werden.
Michael Pand, Hainburg, www.michaelpand.com
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